War Pythagoras ein Quantenphysiker?

Warum die gegenwärtige Physik in den Tiefen der Quantengravitation zurück zu ihren eigenen Ursprüngen findet

War Pythagoras ein Quantenphysiker?
Bild: Zwischen antiker Zahlenlehre und Quantengravitation: Was verbindet Pythagoras mit der Suche nach der Weltformel? (KI-generiert)
Pythagoras’ berühmter Satz „Alles ist Zahl“ klingt wie ein fernes Echo aus der Antike. Doch ausgerechnet die modernste Physik stößt bei der Suche nach Quantengravitation und Weltformel nicht nur auf mathematische Strukturen, sondern zunehmend auf Information, Ordnung und abstrakte Prinzipien. Damit gerät sie ohne es zu wollen erstaunlich nah an die Lehre eines ihrer eigenen Urväter: Sind Zahlen nur quantitative Werkzeuge, mit denen wir die Natur berechnen oder tragen sie selbst Information und Bedeutung in sich? Eine Spurensuche zwischen pythagoreischer Zahlenlehre und der aktuellen Frage nach einer Theory of Everything.

Der Satz, mit dem die Wissenschaft begann

„Alles ist Zahl.“ Dieser berühmte Ausspruch wird Pythagoras zugeschrieben, einem der bekanntesten Vorsokratiker. Von diesen frühen griechischen Philosophen sind kaum direkte Schriften überliefert. Was wir über ihre Lehren wissen, erfahren wir vor allem aus späteren Quellen, etwa bei Platon und Aristoteles. Dennoch lässt sich erkennen, wie wegweisend ihr Denken war — nicht nur für die Entwicklung der Philosophie, sondern für die Wissenschaften insgesamt. Mit den Vorsokratikern beginnt eine neue Art, die Welt zu verstehen. Naturphänomene sollten nicht länger allein durch das willkürliche Handeln von Göttern erklärt werden, sondern durch erkennbare, objektive und untersuchbare Gesetzmäßigkeiten. Damit vollzog sich eine geistige Zeitenwende: Die Welt wurde zu etwas, das beobachtet, erforscht und mit den Mitteln der Vernunft verstanden werden konnte. Aus dieser Haltung heraus entwickelten sich nach und nach die verschiedenen Wissenschaften.

Doch bei Pythagoras kam noch eine zweite, vielleicht noch tiefere Einsicht hinzu. Er ahnte, dass die Natur nicht nur allgemeinen und objektiven Gesetzmäßigkeiten folgt, sondern dass sich diese Gesetzmäßigkeiten in besonderer Weise durch Zahlen ausdrücken lassen. Zahlen wurden für ihn zum Schlüssel des Weltverständnisses. Was damals wie eine kühne philosophische Intuition erscheinen mochte, hat sich in den folgenden Jahrhunderten bis heute auf beeindruckende Weise bestätigt: Wer die Prozesse der Natur präzise beschreiben will, stößt immer wieder auf das Phänomen Zahl.

Im Laufe der wissenschaftlichen Entwicklung zeigte sich immer deutlicher, dass kein anderes Mittel natürliche Prozesse so exakt beschreiben kann wie die Mathematik. Ob in den Gleichungen der Physik, den Formeln der Chemie, den Modellen der Biologie, der Medizin oder auch der Psychologie: Überall begegnen uns Zahlen, Verhältnisse, Strukturen und mathematische Ordnungen. Ohne Mathematik und Geometrie wären die modernen Naturwissenschaften kaum denkbar.

„Die Mathematik ist die Sprache, mit der Gott das Universum geschrieben hat.“
(Galileo Galilei)

Doch die Bedeutung der Zahlen beschränkt sich nicht auf die Naturwissenschaften. Auch in Kultur, Sprache und Schrift spielen sie seit jeher eine grundlegende Rolle. Besonders deutlich wird dies an den Ursprüngen unseres Alphabets. Viele frühe Schriftsysteme verbanden Buchstaben nicht nur mit Lauten, sondern zugleich mit Zahlenwerten. Im hebräischen Alphabet etwa ist jedem Buchstaben auch eine Zahl zugeordnet. Man spricht deshalb von Buchstabenzahlen. Auch unser heutiges lateinisches Alphabet steht in einer Entwicklungslinie, die über das griechische auf das phönizische Alphabet zurückführt — eine der entscheidenden Wurzeln alphabetischer Schriftkultur. So zeigt sich: Zahlen waren nicht nur ein Werkzeug des Rechnens, sondern von Beginn an auch ein Grundelement menschlicher Ordnung, Sprache und Bedeutung.

„Die natürlichen Zahlen waren da, bevor Menschen oder auch irgendwelche anderen Geschöpfe hier auf der Erde waren, und sie werden auch noch da sein, wenn alles Leben erloschen ist.“
(Roger Penrose, zeitgenössischer Mathematiker, Physiker, Nobelpreisträger)

Im Informationszeitalter erhält diese besondere Stellung der Zahlen eine neue, beinahe überwältigende Bestätigung. Nahezu jede digitale Information wird heute in Bits gespeichert — also in einem Code aus zwei unterscheidbaren Zuständen, die wir als 0 und 1 darstellen. Aus der Anordnung dieser beiden Zeichen entstehen Texte, Bilder, Musik, Filme, Programme und schließlich auch jene Systeme künstlicher Intelligenz, die unsere Gegenwart zunehmend prägen. Mit nur zwei Zahlen lässt sich das gesammelte Wissen der Menschheit codieren, speichern und weitergeben.

All das konnte Pythagoras selbstverständlich nicht vorhersehen. Aber er erkannte mit der Zahl ein Grundelement, das zeitlos und universell ist, weil es tief in der Struktur der Natur verankert liegt. Gerade deshalb begegnet es uns immer wieder — in den Naturwissenschaften, in der Kultur, in der digitalen Information und schließlich auch in der künstlichen Intelligenz.

Was bleibt, ist die Zahl

Mathematik und Zahlen haben auf einzigartige Weise dazu beigetragen, die Welt und die ihr zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten zu erforschen und zu beschreiben. So revolutionär manche Entdeckungen auch waren und so sehr sie frühere wissenschaftliche Vorstellungen erschütterten — Zahlen und Mathematik blieben konstant. Als Einstein zeigte, dass Newtons Physik nicht überall gültig ist und Raum und Zeit keine festen Größen sind, geriet ein ganzes Weltbild ins Wanken. Doch die neu erkannten Gesetzmäßigkeiten ließen sich weiterhin mathematisch ausdrücken. Auch als die Quantenphysik mit ihren zunächst absurd anmutenden Erkenntnissen die klassische Vorstellung von Wirklichkeit infrage stellte, blieb die Sprache der Zahlen bestehen. Die Theorien verändern sich — doch das Grundelement, mit dem wir Naturphänomene beschreiben, scheint erstaunlich beständig.

Die heutige Physik hat sich zeitlich und inhaltlich weit von den Lehren des Pythagoras entfernt. Die Wissenschaften haben sich enorm weiterentwickelt, sind komplexer, präziser und spezialisierter geworden. Doch so tief sie heute in das Große des Universums oder in das Kleinste der Quantenwelt vordringen, und so kontrovers manche aktuellen Debatten auch geführt werden: Den Grundgedanken des Vorsokratikers – „Alles ist Zahl“ – würden die meisten Wissenschaftler wohl auch heute noch unterschreiben.

Auf der Suche nach der Weltformel

Doch damit ist die Geschichte der Zahlen nicht zu Ende erzählt. Gerade dort, wo die moderne Physik heute an ihre Grenzen stößt, tauchen erstaunliche neue Parallelen zur 2500 Jahre alten Lehre von Pythagoras auf. Um zu verstehen, worin diese bestehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die großen offenen Fragen der gegenwärtigen Physik.

Die moderne Physik ruht auf zwei mächtigen Säulen: Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie und der Quantenmechanik. Die eine beschreibt das Große — Gravitation, Raum, Zeit, Sterne, schwarze Löcher und das Universum als Ganzes. Die andere beschreibt das Kleine — Atome, Elementarteilchen, Licht und die merkwürdigen Wahrscheinlichkeitsgesetze der Mikrowelt. Beide Theorien gehören zu den erfolgreichsten Denkgebäuden der Wissenschaftsgeschichte. Doch ausgerechnet dort, wo man sie gemeinsam bräuchte, geraten sie in Konflikt: beim Urknall, im Inneren schwarzer Löcher und bei der Frage nach dem tiefsten Aufbau der Wirklichkeit.

Die Relativitätstheorie versteht Gravitation als Krümmung von Raum und Zeit. Die Quantenmechanik hingegen beschreibt die Welt nicht als eindeutig festgelegte Bühne, sondern als Geflecht aus Wahrscheinlichkeiten, Zuständen und Beziehungen. Eine Theorie, die beide Perspektiven zusammenführt, nennt man Quantengravitation. Bis heute zählt sie zu den großen ungelösten Problemen der Physik. Die moderne Forschung sucht deshalb nach einer tieferen Ordnung hinter Raum, Zeit, Materie und Energie — nach einer Struktur, aus der sowohl die Welt des Größten als auch die Welt des Kleinsten hervorgeht. Häufig spricht man in diesem Zusammenhang auch von einer Theory of Everything, einer Theorie von allem, oder umgangssprachlich von einer Weltformel – einem grundlegenden, verbindenden Prinzip.

Körnige Welt ohne feste Dinge

Seit rund 100 Jahren sieht sich die Physik mit dieser Problematik konfrontiert. Zu den bekanntesten Forschungsrichtungen gehören die Stringtheorie, die Loop-Quantengravitation sowie Ansätze der Holografie und Quantengeometrie. Doch eine allgemein anerkannte Theorie, die beide großen Säulen der Physik verbindet, wurde bislang nicht gefunden. Dennoch scheinen sich aus der Vielfalt gegenwärtiger Forschungsansätze zwei Grundgedanken herauszukristallisieren:

  1. Die Natur besitzt offenbar eine körnige Struktur. Viele ihrer Erscheinungen lassen sich nicht beliebig weiter unterteilen, sondern verweisen auf kleinste Einheiten, Quanten oder Bausteine. Selbst Licht tritt in dieser Sicht nicht nur als Welle, sondern auch in einzelnen Energieportionen auf.
  1. Diese Bausteine sind bei genauer Betrachtung jedoch keine festen, harten Dinge im klassischen Sinn. Sie erscheinen eher als Ereignisse, Zustände oder Wechselwirkungen, die sich erst durch ihre Beziehungen zueinander bestimmen. In der Quantenwelt begegnet uns daher weniger eine Welt stabiler Objekte als ein Gewimmel von ungreifbaren Zuständen.

Wissenschaftler suchen also nach etwas, das beide Eigenschaften zugleich verständlich macht: eine Welt kleinster Einheiten, die dennoch nicht aus festen Dingen im klassischen Sinn besteht.

Information: Wo Ordnung Bedeutung gewinnt

Dabei stößt die moderne Forschung zunehmend auf den Begriff der „Information“:

„Schon dieser kurze Überblick macht deutlich, dass der Begriff der Information bei den gegenwärtigen Versuchen, die Welt zu verstehen, eine gewaltige Rolle spielt. Von der Struktur der Kommunikationssysteme bis zur genetischen Grundlage der Biologie, von der Thermodynamik über die Quantenmechanik bis zur Quantengravitation ist er als Mittel zum Verständnis der Welt offenbar zunehmend auf dem Vormarsch.“
(Carlo Rovelli, zeitgenössischer Quantenphysiker)

Was bedeutet Information in diesem Zusammenhang? Ein Teilchen wäre dann nicht einfach ein kleines materielles Korn, sondern eher eine Informationseinheit. Etwas, das nicht isoliert für sich bestimmbar ist, sondern durch seine Beziehungen zu anderem. Es existiert durch Wechselwirkung und geordnete Beziehung in einem größeren System. Kurz: Information ist Anordnung.

Umgangssprachlich verstehen wir unter Information meist etwas anderes: einen Inhalt, sei es eine Nachricht, einen Gedanken, eine Idee, die von einem Sender zu einem Empfänger gelangt. Dieser Inhalt wirkt zunächst fast immateriell. Es ist etwas, das nicht selbst Stoff ist, sondern Bedeutung trägt.

Auf den ersten Blick scheinen sich beide Informationsbegriffe zu unterscheiden: der physikalische spricht von einer formellen Anordnung, der umgangssprachliche von einer inhaltlichen Botschaft. Tatsächlich weisen sie jedoch in dieselbe Richtung. Verständlich wird dies, wenn wir uns die kleinste digitale Informationseinheit vor Augen führen: das Bit. Ein Bit kann zwei unterscheidbare Zustände annehmen, meist dargestellt als 0 und 1. Aus der Anordnung solcher Zustände entsteht Inhalt. Dieselben zwei Zeichen — 0 und 1 — können, je nach Reihenfolge, Texte, Bilder, Musik oder ganze Programme hervorbringen. Am Bit lässt sich deshalb besonders einfach erkennen, dass Information aus Unterscheidung, Ordnung und Anordnung entsteht.

Entscheidend sind also nicht die Bausteine allein, sondern ihr Platz im System. Erst ihre Ordnung lässt Information im Sinne von Inhalt entstehen. Information ist deshalb eine Frage der Struktur. Schon der Begriff selbst weist darauf hin: Information stammt vom lateinischen informare, was soviel bedeutet wie „eine Gestalt geben“, „in Form bringen“. Information entsteht dort, wo etwas nicht bloß vorhanden ist, sondern eine bestimmte Gestalt, Ordnung oder Struktur erhält.

Information ist damit Bedeutung, die aus Ordnung hervorgeht.

Am Grund der Ordnung steht die Zahl

An dieser Stelle führt der Begriff der Information die Naturwissenschaftler also zu den Phänomenen Ordnung und Anordnung. Das ist bemerkenswert, denn bei der Suche nach neuen Zusammenhängen in den Tiefen der Quantenwelt stoßen sie damit plötzlich wieder auf ein Element, das seit Pythagoras zum Grundwerkzeug ihrer täglichen Arbeit zählt: die Zahlen. Die Katze scheint sich in den eigenen Schwanz zu beißen. Denn: Zahlen sind der einfachste Ausdruck von Anordnung. Nichts erzeugt Ordnung in ursprünglicherer Form: Auf die 1 folgt die 2. Das versteht jedes Kind. Zahlen sind der Inbegriff von Ordnung — ihr Archetyp.

Wenn aber Information aus Ordnung entsteht, stellt sich eine ungewöhnliche Frage: Welche Information trägt dann die Ordnung selbst? Welche Bedeutung liegt in den Zahlen? Damit betreten wir ein Terrain, das dem modernen Denken zunächst fremd erscheint. Denn wir sind gewohnt, Zahlen als reine Formelemente zu betrachten — als neutrale Werkzeuge des Rechnens und Messens. Doch wenn Information Bedeutung ist, die aus Ordnung hervorgeht, dann lässt sich die Frage nicht vermeiden, ob auch Zahlen mehr sind als bloße Quantitäten.

Schauen wir einmal durch die Brille, die uns dieser Gedankengang aufgesetzt hat: Wenn Information aus Ordnung entsteht und Zahlen der ursprünglichste Ausdruck von Ordnung sind, stellt sich eine ungewohnte Frage. Welche Information trägt dann eine Zahl selbst in sich? Welche Bedeutung liegt in der 1 oder in der 2?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort klar: keine. Zahlen gelten uns als reine Quantitäten, als neutrale Zeichen zum Zählen und Rechnen. Doch bei genauerer Betrachtung ist die Sache nicht so einfach. Die 1 trägt bereits die Information in sich, dass sie die erste Zahl ist. Sie steht am Anfang der Reihe. Zudem ist sie zugleich in jeder weiteren natürlichen Zahl enthalten. Die 2 wiederum trägt die Information, dass sie auf die 1 folgt. Sie ist das Zweite, das Andere, die erste Zahl nach der 1 — und doch enthält auch sie die 1 in sich. Das sind keine bloß rechnerischen Feststellungen mehr. Es sind inhaltliche Aussagen über Stellung, Beziehung und Bedeutung innerhalb einer Ordnung. Damit zeigt sich: Zahlen sind nicht nur quantitative Elemente. Aus ihrer Quantität ergibt sich bereits eine Qualität.

Die vergessene Hälfte des Pythagoras

An dieser Stelle lohnt sich der Blick zurück zu Pythagoras. Wir erinnern uns: Mit seiner These „Alles ist Zahl“ lag er erstaunlich richtig — ohne natürlich auch nur ahnen zu können, dass Quantenphysik, Periodensystem oder die heutige Welt der Bits und Bytes Jahrtausende später genau diese Sprache nutzen würden, um Wirklichkeit zu beschreiben, zu ordnen und zu speichern.

Doch damit ist nur die eine Hälfte seiner Lehre erfasst. Sie beinhaltete mehr als die berühmte Vorausahnung, dass sich mit dem Element Zahl die Welt hervorragend berechnen lässt. Für Pythagoras waren Zahlen mehr. Von ihm soll auch der Satz stammen:

„Die Zahl beherrscht die Formen und Ideen.“
(Pythagoras)

Mit anderen Worten: Er sah in den Zahlen nicht nur ein quantitatives, also rechnendes Element, sondern auch ein qualitatives, inhaltliches. Für ihn waren sie auch Träger von Ideen. Das ist heutigen Wissenschaftlern natürlich nicht unbekannt. Doch die inhaltliche Seite seiner Lehre wird meist bewusst ausgeklammert. Für die moderne Wissenschaft gehört sie eher in den Bereich der Numerologie, also in die Nähe der Esoterik — oder, etwas zugespitzt, in den Bereich jener Märchen, die von sieben Zwergen hinter sieben Bergen erzählen. Jedenfalls nicht in den Bereich der Wissenschaft:

„Platon befreite das pythagoreische Denken von seinem sperrigen und nutzlosen mystischen Ballast und filterte die nützliche Botschaft heraus: Die geeignete Sprache, um die Welt zu verstehen und zu beschreiben, ist die Mathematik. Diese Intuition war von gewaltiger Tragweite und bildete einen Grund für den Erfolg der abendländischen Wissenschaft.“
(Carlo Rovelli)

Doch kippen wir damit nicht das Kind mit dem Bade aus? Ist es wirklich überzeugend, Pythagoras einerseits als Vordenker der wissenschaftlichen Welterklärung zu feiern, andererseits aber die zweite Hälfte seiner Zahlenlehre als mystischen Ballast abzuwerfen? Vielleicht zeigt sich darin auch eine gewisse Überheblichkeit des modernen Denkens: Nur weil die alten Denker noch nicht zum Mond fliegen konnten, trauen wir ihnen nicht zu, dass sie etwas erkannt haben könnten, was mit der Zeit verschüttet wurde.

Lässt sich die moderne Trennung von Quantität und Qualität angesichts der neuesten Phänomene der Quantenphysik noch aufrechterhalten? Bei genauerer Betrachtung brachte Pythagoras mit der Verbindung von Form und Idee nur zum Ausdruck, dass es keine Form ohne Inhalt gibt. Diese These dürfte kaum ein moderner Wissenschaftler ernsthaft bestreiten. Inhalt und Form bedingen einander. Jede Form ist Ausdruck eines Inhalts. Eine symmetrische Blüte verweist auf einen Bauplan im Hintergrund. Inhalte treten durch Formen in Erscheinung. Formen vermitteln Inhalte.

Und auf etwas Ähnliches stößt auch die moderne Physik. Durch In-Form-Bringen — durch Anordnung und Beziehung — entstehen Eigenschaften. Auf atomarer Ebene zeigt sich das besonders deutlich: Die Elemente des Periodensystems unterscheiden sich nicht etwa durch völlig andere Grundstoffe, sondern durch Zahl und Anordnung ihrer Teilchen. Wasserstoff, Sauerstoff oder Eisen bestehen letztlich aus denselben grundlegenden Bausteinen. Ihre unterschiedlichen Eigenschaften — ihre Qualitäten — entstehen allein durch ihre Zahl und Anordnung. Quantität und Qualität bedingen sich gegenseitig.

Was Zahlen uns erzählen könnten

Wenn uns die Quantenphysik also zum Begriff der Information führt, wenn Information aus Anordnung hervorgeht und wenn das ursprünglichste Element von Ordnung die Zahl ist, dann stellt sich die entscheidende Frage: Welche Information, welche Qualität trägt die Zahl selbst in sich?

Vielleicht sollten wir also doch noch einmal vom Thron der modernen Naturwissenschaften herabsteigen und ihren Gründungsvater fragen, was er mit der anderen Hälfte seiner Zahlenlehre genau meinte. Vielleicht könnte er uns dabei helfen, ein den gegensätzlichen Theorien zugrundeliegendes, gemeinsames Ordnungsprinzip zu beschreiben. Vielleicht hat er uns noch etwas Interessantes zu erzählen.

 

„Zahlen sind die abstrakten Zeichen der Quantität, aber sie erzählen die Geschichte der Qualität, wenn man sie richtig liest.“
(Arthur Schopenhauer)

 

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FAQ

Was verbindet Pythagoras und Quantenphysik?

Beide beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit der Frage, ob Zahlen und mathematische Strukturen grundlegende Eigenschaften der Wirklichkeit beschreiben. Der Artikel untersucht, warum moderne physikalische Theorien dabei überraschende Parallelen zur antiken Zahlenlehre aufweisen.

Was bedeutet der Satz „Alles ist Zahl“?

Der Pythagoras zugeschriebene Satz beschreibt die Vorstellung, dass sich die Ordnung der Welt durch Zahlen und mathematische Beziehungen verstehen lässt. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse der Neuzeit scheinen diesen Gedanken zu bestätigen.

Welche Rolle spielt Information in der modernen Physik?

In vielen aktuellen Ansätzen der Quantenphysik und Quantengravitation wird Information als grundlegender Baustein der Wirklichkeit betrachtet. Eigenschaften entstehen dabei nicht nur durch Materie, sondern durch Beziehungen, Ordnung und Struktur.

Gibt es Zusammenhänge zwischen Pythagoras und Quantenphysik?

Obwohl zwischen beiden mehr als 2.500 Jahre liegen, stellen beide die Frage, welche Bedeutung Zahlen für den Aufbau der Wirklichkeit haben. Genau dieser Gedanke steht im Mittelpunkt des Artikels.

Was ist eine Theory of Everything?

Als Theory of Everything bezeichnet man den Versuch, die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik in einer einzigen grundlegenden Theorie zu vereinen. Sie soll die tiefsten Strukturen des Universums beschreiben.

über den Autor

Dr. Dr. Ruben Stelzner

Dr. Dr. Ruben Stelzner ist Natur- und Geisteswissenschaftler, Unternehmer und philosophischer Autor. Er schreibt über universelle Prinzipien, archetypische Muster und die gemeinsamen Wurzeln von Wissenschaft, Religion, Kunst und Kultur.

Sein Buch Verlorene Weisheit widmet sich der Frage, wie zeitlose Prinzipien heute wieder Klarheit und Orientierung geben können

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