Künstliche Intelligenz und verlorene Weisheit
Warum die modernste Technologie uns zu den ältesten Fragen zurückführt
Eine neue Technologie, eine alte Angst
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Man kommt kaum noch an ihr vorbei. Fast alle sind sich einig: Sie wird die Welt verändern, vermutlich mindestens so tiefgreifend wie zuvor der Computer oder das Smartphone. Technologiekonzerne investieren enorme Summen in ihre Entwicklung. Die Zahl der Nutzer steigt rasant. Unternehmen beauftragen KI-Experten, weil sie ahnen, dass ihr Geschäftsmodell womöglich bald größere Erosionen erfährt. KI ist eine neue Technologie mit riesigem Veränderungspotenzial. Soweit herrscht weitgehend Einigkeit.
So groß sich das anhört, so groß sind auch die Sorgen. Warum eigentlich? Sie ist etwas Neues, etwas, das wir nicht verstehen. Ein Fremder, der uns in ein unbekanntes Gebiet führt. Wir ahnen, dass sie unsere Welt verändern wird, wissen aber nicht genau wie. Wir können die Zukunft nicht berechnen, befürchten aber, dass nichts so bleibt. Das überfordert uns. An welche Regeln sollen wir uns halten, wenn das Vertraute nicht mehr trägt? Es ist die Angst vor dem Unbekannten.
Doch ist dieses Unbekannte wirklich so unbekannt? Natürlich: Das Land, das wir mit der künstlichen Intelligenz betreten, ist neu. Seine Landschaften kennen wir noch nicht, seine Gefahren können wir nur erahnen, seine Möglichkeiten noch kaum überblicken. Aber der Vorgang selbst ist nicht alt. Der Mensch hat immer wieder neue Länder betreten — nicht nur geografisch, sondern auch geistig, technisch und kulturell. Jede große Neuerung war ein solcher Schritt über die Grenze des Bekannten hinaus. Das jeweilige Land war neu. Das Muster aber war vertraut: Der Aufbruch in unbekanntes Gelände gehört zur Geschichte des Menschen.
Wir kennen dieses Muster aus den großen Neuerungen der Menschheitsgeschichte. Gehen wir zurück zu den frühen Menschen: Vor rund einer Million Jahren lernten sie, Feuer zu nutzen. Wie muss es gewesen sein, plötzlich ein so mächtiges Instrument in den Händen zu halten? Vorher konnte der Homo sapiens Veränderungen vor allem durch eigene Muskelkraft herbeiführen. Nun lag ihm eine Naturkraft zu Füßen. Die Menschen konnten Wärme erzeugen, Licht schaffen, Nahrung zubereiten und dadurch vieles genießbar machen, was zuvor nicht essbar war. Ihr Speiseplan erweiterte sich enorm. Aber sie konnten auch ganze Landschaften niederbrennen, Wälder vernichten und die Hütten anderer Menschen in Brand setzen. All das geschah: das Wunderbare und das Zerstörerische. Letztlich wurde diese neue Macht jedoch gebändigt. Wir haben die Erde nicht verbrannt – zumindest bisher nicht. Stattdessen leitete die Beherrschung des Feuers einen der größten Entwicklungsschritte der Menschheit ein.
Solche bahnbrechenden Entdeckungen, die die Welt grundlegend veränderten, gab es immer wieder. Die Dampfmaschine leitete die Industrialisierung ein. Die Elektrizität brachte Licht, Kommunikation, Computer und schließlich das Internet hervor. Die moderne Chemie ermöglichte Medikamente, Düngemittel, Kunststoffe und neue Materialien, aber auch Giftgas, Umweltgifte und gefährliche Stoffkreisläufe. Die Kernphysik brachte neue Energiequellen und medizinische Anwendungen, aber auch die Atombombe und damit die Möglichkeit der Selbstvernichtung der kompletten Menschheit. All diese Neuerungen hatten ein enormes Veränderungspotenzial. All diese Neuerungen machten Angst. Und alle trugen neben ihrem Nutzen auch ein zerstörerisches Potenzial in sich. Dennoch wurden sie weitgehend gebändigt und sind heute, bei aller Ambivalenz, überwiegend nützlich. Nützlich deshalb, weil sie den meisten Menschen ein besseres Leben ermöglichen.
Dass eine neue Technologie plötzlich auftaucht, große Veränderungen verspricht und zugleich Verunsicherung auslöst, ist also kein neues Phänomen. Auch die Angst, dass eine solche Neuerung das bisherige Weltbild erschüttert, gehört offenbar zu großen Umbrüchen dazu. Wer nicht abschätzen kann, was auf ihn zukommt, sucht nach Orientierung.
Warum KI anders ist
Naheliegend wäre daher, auch KI in diese Reihe einzuordnen: als eine weitere machtvolle Neuerung, die vieles verändern, Gefahren mit sich bringen, aber am Ende gebändigt und für menschliche Zwecke nutzbar gemacht werden kann — hoffentlich zum Wohl der Menschheit.
An dieser Stelle könnten die Überlegungen eigentlich enden. Das Muster wäre erkannt, die Gefahr eingeordnet. Doch ganz so einfach ist es nicht. Warum sind die Diskussionen um KI so aufgeladen? Warum berühren sie uns tiefer als viele frühere Technikdebatten? Warum haben wir das Gefühl, dass sich hinter dieser Entwicklung mehr verbirgt als nur ein weiteres Werkzeug? Ist KI vielleicht doch eine andere Art von Neuerung — eine, die nicht einfach dem bekannten Muster folgt? Hat sie eine andere Qualität?
So scheint es. Und dafür gibt es einen Grund: KI rückt näher an uns heran als frühere Innovationen. Sie berührt etwas, das wir lange dem Menschen vorbehalten glaubten. Frühere Revolutionen, vom Feuer über die Dampfmaschine bis zur Atomkraft, waren technische Neuerungen, die Kräfte der Natur besser nutzbar machten. KI dagegen scheint auf einem anderen Niveau zu agieren. Sie dringt scheinbar in das vor, was uns Menschen ausmacht. Sie betritt menschliches Hoheitsgebiet: Sprache, Wissen, Kreativität, Denken, Urteilskraft. Ein für Maschinen verbotenes Land, dachten wir jedenfalls.
Damit verbunden ist die große Frage: Macht KI uns Konkurrenz? Wird sie eine Gefahr für uns? Ersetzt sie uns sogar? Ist ihre Evolution vielleicht sogar das Ende unserer?
Die Logik der Maschine
Um darauf eine Antwort zu finden, führt uns der Weg zunächst zu der Frage: Was ist KI überhaupt? Auf den ersten Blick ist sie eine Software. Eine Software, die mit Unmengen von Daten trainiert wurde. Man könnte sie vergleichen mit jemandem, der sehr viele Bücher gelesen hat. Aus diesen Büchern erkennt KI Wahrscheinlichkeiten und wiederkehrende Muster. Wenn wir eine Frage an sie richten, durchsucht und verarbeitet sie ihren Datensatz und erzeugt eine Antwort, die sich aus Wörtern und Zusammenhängen zusammensetzt, die in diesem Kontext besonders wahrscheinlich sind.
Wenn wir fragen: „Wie heißt das Kind der Kuh?“, sucht die KI nach Mustern: Welche Begriffe tauchen in ihren Trainingsdaten häufig gemeinsam mit „Kuh“ und „Kind“ auf? In der Regel wird sie deshalb die richtige Antwort finden: Kalb. Aber sie versteht diese Antwort nicht so, wie ein Mensch sie versteht. Sie sieht keine Kuh vor sich, erinnert sich nicht an einen Stall, riecht kein Heu und hat keine Vorstellung davon, wie ein Kalb neben seiner Mutter steht. Sie berechnet lediglich, welche Antwort im gegebenen Zusammenhang am wahrscheinlichsten ist. Wären ihre Trainingsdaten anders, wäre auch ihre Antwort anders. Hätte sie ausschließlich Texte gelesen, in denen stünde, das Kind der Kuh sei ein Lamm, würde sie wahrscheinlich „Lamm“ antworten. Nicht weil sie ein Lamm mit einem Kalb verwechselt hätte, sondern weil sie gar nicht aus eigener Anschauung weiß, was beides ist. Für sie zählt nicht, ob ein Lamm wie eine junge Kuh aussieht oder zu einer Kuh gehört. Für sie zählt, welches Muster sie gelernt hat. Letztlich erzeugt KI ihre Antworten aus dem vorhandenen Datensatz und den Mustern, die sie darin erkannt hat. Da die Datensätze, mit denen KI-Systeme trainiert werden, bereits heute riesig sind, wirkt ihr Wissen unvorstellbar groß. Sie kann erstaunliche Kombinationen bilden. Sie hat Antworten auf fast alle Fragen, und viele davon sind beeindruckend richtig. Die Menge an Wissen, auf die sie zurückgreifen kann, übersteigt die jedes einzelnen Menschen um ein Vielfaches. Es ist unmöglich, auch nur annähernd so viel abrufbares Wissen zu besitzen wie eine KI, die heute jedem mit einem Griff zum Handy zur Verfügung steht.
Natürlich macht uns das Angst. Denn KI scheint mehr zu wissen als wir. Und Wissen ist eine Eigenschaft, die wir dem Menschen zuschreiben. Auch die Fähigkeit, Muster aus unterschiedlichen Daten abzuleiten, ist zumindest ein Teil dessen, was wir unter Intelligenz verstehen. Insofern scheint KI tatsächlich „übermenschlich“ zu sein und uns in einer unserer Kernkompetenzen zu bedrohen.
Das riesige und verständlicherweise bedrohlich wirkende Wissen der KI verschleiert jedoch oft den Blick auf ihr einfaches Grundprinzip. Sie weiß nur das, was in ihren „Büchern“ steht. Sie hat nur Zugang zu dem, wofür sie trainiert wurde. Ihre Ergebnisse stützen sich auf Wahrscheinlichkeiten und Zusammenhänge aus vorhandenen Daten. Dabei kann sie durchaus logische Zusammenhänge darstellen und sogar Muster entdecken, die Menschen übersehen haben. Aber sie tut dies innerhalb der Logik, die durch Daten, Modell und Zielvorgaben vorgegeben ist. Wenn sie ausschließlich mit deutschen Texten trainiert wäre, könnte sie sehr gut Deutsch, aber kein Englisch. Wenn sie ausschließlich Physik gelernt hätte, könnte sie Formeln erklären, aber nichts Verlässliches über Kunst sagen. Man könnte sagen: Sie ist an den Rahmen gebunden, der ihr vorgegeben wurde.
Vom Datensatz zum Menschsein?
Die entscheidende Frage lautet nun: Wenn wir diesen Rahmen immer weiter ausdehnen, wenn wir den Datensatz der KI auf alles erweitern, was es an Wissen und Lehren in der Welt gibt, steht sie dann nicht irgendwann auf gleicher Höhe mit dem Menschen? Oder sogar über ihm? Kann sie sich dann, wie der Mensch, von selbst weiterentwickeln? Könnte sie also nicht nur vorhandenes Wissen kombinieren, sondern aus sich heraus den entscheidenden Sprung vollziehen: das Feuer nicht nur fürchten, sondern nutzbar machen; gegen das herrschende Weltbild wie Galilei hartnäckig behaupten: „Und sie (die Erde) bewegt sich doch“; wie Darwin das Leben nicht als starre Schöpfung, sondern als Entwicklung begreifen; oder wie Einstein Raum und Zeit nicht mehr als feste Größen denken?
Hier sind wir beim Kern dessen, was wir als Bedrohung empfinden. Um sich diesem Kern zu nähern, reicht die Frage nicht mehr aus, was KI ist. Wir müssen fragen: Was ist der Mensch? Oder genauer: Was ist der Kern des Menschseins?
Die alte Frage nach dem Menschen
Diese Frage ist nicht neu. Sie stellt sich nicht erst mit der KI. Genau genommen ist sie so alt wie die Menschheit selbst. Menschen haben sich schon immer damit auseinandergesetzt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Und sie haben schon immer Antworten darauf gesucht. Je älter die Fragen, desto älter sind auch die Antworten. Nun könnte man sagen: Was interessieren uns die Antworten alter, technisch noch wenig entwickelter Kulturen? Was haben sie mit unserer heutigen Welt zu tun? Wir haben uns verändert. Unsere Welt ist nicht mehr die Welt von vor Hunderten oder Tausenden Jahren. Wir haben Autos, Smartphones, Flugzeuge und Computer. Das ist aus heutiger Perspektive richtig. Aber es ist nur ein kleiner Ausschnitt. Aus der Vogelperspektive betrachtet sind wir den früheren Menschen erstaunlich ähnlich. Wir haben die gleichen Körper, auch die gleichen Gehirne, die gleichen Grundbedürfnisse, Angst vor Krankheit und Tod, Sehnsucht nach Zugehörigkeit, das Bedürfnis, Probleme zu lösen, und den Wunsch nach einem sinnvollen Leben. Was uns glücklich oder traurig macht, was uns erfüllt oder verzweifeln lässt, ist im Kern nicht völlig anders als früher. Wir haben unsere Umgebung verändert, aber wir sind die gleichen Lebewesen geblieben. Deshalb sind auch die großen Fragen dieselben geblieben: Wie führe ich ein erfülltes Leben? Wie finde ich meinen Platz in der Welt? Was ist richtiges und was falsches Verhalten? Menschen aller Zeiten und Kulturen haben sich diese Fragen gestellt — nicht oberflächlich und nicht beiläufig, sondern als zentrale Fragen ihres Daseins. Um Antworten zu finden, haben Gelehrte, Priester, Philosophen, Dichter und Denker ihr Leben lang gesucht, gelehrt, gestritten, gedeutet und große geistige Gebäude errichtet. Daraus entstanden Mythen, Religionen, philosophische Schulen, Rituale und Weisheitslehren. Sie waren keine kindlichen Vorstufen unseres heutigen Wissens, sondern vollendete Werke, die den Menschen, das Leben und seine typischen Herausforderungen bis ins Detail beschreiben.
Viele dieser Überlieferungen sind bis heute weltberühmt: die buddhistischen Lehren, die Bibel, die antiken Mythen, die Märchen der Brüder Grimm, aber auch moderne Erzählungen wie Der Herr der Ringe, Harry Potter oder Star Wars. So unterschiedlich sie in Inhalt, Sprache und kulturellem Gewand auch erscheinen mögen, kreisen sie doch immer wieder um die gleichen Grundfragen des Menschseins: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was bedroht uns? Was lässt uns wachsen? Wie finden wir unseren Platz in der Welt? Sie erzählen vom Menschen, von seiner Stellung im Ganzen, von seinen Konflikten, Ängsten und Versuchungen — und von den besonderen Möglichkeiten, die in ihm angelegt sind.
Die Heldenreise als Grundmuster des Menschseins
So unterschiedlich diese Geschichten auch sein mögen, heute wissen wir, dass viele von ihnen sich im Kern erstaunlich ähneln. Das ist bei genauer Betrachtung nicht verwunderlich. Wenn Menschen in allen Zeiten und Kulturen ein ähnliches menschliches Grundschicksal teilen, dann liegt es nahe, dass auch ihre großen Erzählungen ähnliche Muster ausbilden. Der Mythenforscher Joseph Campbell hat in der Mitte des 20. Jahrhunderts den Grundplot vieler dieser Geschichten herausgearbeitet: die sogenannte Heldenreise.
Großen Geschichten beginnen meist in einer vertrauten Ordnung. Ein Mensch wird in eine Welt hineingeboren, in der alles seinen gewohnten Ablauf nimmt. Er ist Teil eines Ganzen, häufig eines Dorfes, einer Familie, eines Königreichs oder einer anderen überschaubaren Welt. Alles läuft in seinen Bahnen. Es scheint zunächst nur diese eine Wirklichkeit zu geben. Es ist der Garten Eden, in dem Adam und Eva zunächst in Unschuld leben. In vielen Märchen ist es das Königreich, in dem die junge Prinzessin groß wird. Es ist die Familie der Muggel, bei der Harry Potter aufwächst. Es ist das Auenland in Tolkiens Der Herr der Ringe, in dem die Geschichte der Hobbits beginnt. Immer ist es zunächst eine vertraute Welt, eine überschaubare Ordnung mit festen Regeln, in der alles seinen Platz zu haben scheint.
Doch diese Ordnung bleibt nicht ungestört. Plötzlich tritt etwas ein, das dem noch unerfahrenen Menschen und angehenden Helden vor Augen führt, dass seine bisherige Welt nicht die ganze Wirklichkeit ist. Die Schlange stört die Harmonie des Paradieses. Eine dunkle Königin oder Stiefmutter bringt Böses ins Königreich. Aus dem Schatten erhebt sich eine Bedrohung: Mordor in Der Herr der Ringe oder die dunkle Seite der Macht in Star Wars. Mit einem Mal wird sichtbar, dass es ein „Draußen“ gibt: etwas Unbekanntes, Dunkles, Irrationales, das sich den vertrauten Regeln entzieht. Der noch unerfahrene Held erkennt, dass er nicht alles weiß, nicht alles im Griff hat und dass seine bisherige Welt unvollständig ist. Damit endet sein unbewusstes Leben. Er beginnt zu ahnen, dass ihm etwas fehlt. Er erfährt sich als Unwissender und spürt, dass er sich mit dem Unbekannten auseinandersetzen muss. Also bricht er auf. Er verlässt seine vertraute Welt, seinen alten Rahmen, sein Dorf, seine vier Wände, seine „Box“. Das Abenteuer startet. Er betritt das Land des Unbekannten. Dort gelten andere Regeln. Alles ist irrational und nicht verständlich. Dort ist noch kein Licht. Dort begegnet er dem Fremden, dem Gefährlichen, dem Unberechenbaren.
Auf dieser Reise lernt er neue Welten kennen, erwirbt neue Fähigkeiten und wächst an Gefahren und Prüfungen. Zum Helden wird er nicht, weil er in seiner alten Ordnung besonders gut funktioniert, sondern weil er sie verlässt, das Dunkle durchschreitet und verwandelt zurückkehrt. Der Schatz, den er mitbringt, ist deshalb nie nur ein äußerer Gewinn. Es ist eine neue Erfahrung, ein neues Bewusstsein, ein erweitertes Verständnis seiner selbst und der Welt, in die er zurückkehrt.
Der Mensch als Wesen des Rahmenbruchs
Was erzählen uns diese Geschichten über das Menschsein? Und was hat das mit KI zu tun? Alle Mythen und Weisheitslehren, Religionen und Kulturen berichten davon, dass es zum Wesen des Menschen gehört, zu erkennen, dass es etwas gibt, das über seine eigene Welt hinausgeht. Der Mensch kann erfahren, dass er Teil einer größeren Welt ist, ein Puzzleteil in einem größeren Ganzen. Und er hat die Möglichkeit, sich mit dem Andersartigen, dem Fremden und dem, was er noch nicht versteht, auseinanderzusetzen. Zweifel und Unzufriedenheit sind dabei nicht nur Störungen. Sie ermöglichen es ihm, seinen bisherigen Zustand zu verlassen und sich zu verändern.
Dabei handelt es sich nicht nur um Märchen oder Fantasygeschichten. Es sind Geschichten, die das Leben selbst schreibt. Als Menschen verlassen wir ständig alte Welten und dringen in neue vor: mit der Geburt, mit dem Eintritt in die Schule, mit dem Verlassen der Kindheit, mit dem Erwachsenwerden, mit dem Ende der Schulzeit, dem Beginn des Berufslebens, mit Krisen, Krankheiten, Verlusten, Neuanfängen und Umbrüchen. Immer wieder verlassen wir vertraute Ordnungen, betreten unbekannte Räume, lernen neue Fähigkeiten und werden reifer.
Im Unterschied zum Tier können wir uns dieses Vorgangs bewusst werden. Wir können erkennen, dass uns etwas fehlt, und uns damit auseinandersetzen. Wir bekommen Hunger und können fragen, warum. Wir werden krank und können nach den Ursachen suchen. Wir wollen Feuer machen und können herausfinden, wie es geht. Wir wollen fliegen und können erforschen, welche Gesetze den Flug ermöglichen. Wir erkennen, wer wir sind, und damit auch, was uns fehlt. Wir können uns mit unserem Nichtwissen auseinandersetzen. Wir können uns mit dem, was uns fehlt, mit unserem Fehler, beschäftigen und uns dadurch entwickeln.
Die Verrückten der Geschichte
Genau nach diesem Muster kam es zu den größten Erfindungen und Erkenntnissprüngen der Menschheitsgeschichte. Menschen erkannten, dass ihnen etwas fehlte, und setzten sich mit dem Unbekannten auseinander. Dafür mussten sie ihre Box, ihr Dorf, ihren alten Denkrahmen verlassen. Sie mussten ins Unbekannte vordringen und vertraute Regeln infrage stellen. Galilei zweifelte am kirchlich geprägten Weltbild seiner Zeit, indem er den Blick zum Himmel richtete und Hinweise ernst nahm, die nicht in die damalige Ordnung passten. Einstein verließ den Rahmen der klassischen Physik, indem er Raum und Zeit nicht länger als starre Größen dachte. Die Quantenphysik sprengte noch einmal den gewohnten Rahmen, weil sie Phänomene ernst nahm, die der klassischen Logik widersprachen: Unbestimmtheit, Wahrscheinlichkeit, Verschränkung. Große Erkenntnisse entstehen oft dort, wo der Mensch den Mut hat, die Regeln des bisherigen Denkens zu überschreiten. Dort, wo er im besten Sinne „verrückt“ ist, weil er über den Rahmen des Gewohnten hinausdenkt.
Die vollkommene Unperfektion
Die großen Fortschritte der Menschheit führen uns vor Augen, was die Mythen seit Jahrtausenden erzählen: Nur der Mensch kann seine Unvollständigkeit erfahren und daraus ableiten, dass er ein Teil eines größeren Zusammenhangs ist. Er hat wie kein anderes Lebewesen die Möglichkeit, seine Grenzen zu erkennen und zu fragen, von welchem größeren Rahmen er umgeben ist.
Diese dem Menschen vorbehaltene Gabe, Kontakt zu dem zu haben, was über ihn hinausgeht, findet sich in den verschiedensten Weltreligionen und Weisheitslehren auch als der göttliche Funke, der in jedem Menschen vorhanden ist. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (Gen 1,27). Michelangelo hat dieses Bildnis im berühmten Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle in vollendeter Weise verewigt. Adam, das biblische Ursymbol des Menschlichen, wird beinahe von Gott berührt. Er ist körperlich an seine Welt gebunden, wird die Vollkommenheit niemals ergreifen können, aber hat trotzdem eine Verbindung zu ihr. Es ist diese innere Gespaltenheit, dieses Dilemma, das allein dem Menschen vorbehalten ist. Eine solche Perfektion wird die Künstliche Intelligenz wohl nie erreichen.
Aber je mehr Daten und Wissen sie uns in den kommenden Jahren liefern wird, desto dringlicher stellt sie uns vor die eigentliche Frage: Wie gelangen wir aus dem Sturm endlosen Wissens wieder zur Ruhe zeitloser Weisheit?
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FAQ
Was unterscheidet künstliche Intelligenz und Menschsein voneinander?
Künstliche Intelligenz verarbeitet Daten, erkennt Muster und berechnet Wahrscheinlichkeiten. Menschsein umfasst darüber hinaus Bewusstsein, persönliche Erfahrungen, Emotionen, Werte und die Fähigkeit, dem eigenen Leben Sinn zu geben.
Kann KI den Menschen ersetzen?
KI kann viele Aufgaben übernehmen und den Menschen in zahlreichen Bereichen unterstützen. Ob sie jedoch Eigenschaften wie Selbstreflexion, Sinnsuche, Verantwortung oder Mitgefühl ersetzen kann, wird kontrovers diskutiert.
Warum führt künstliche Intelligenz wieder zur Frage nach dem Menschsein?
Je leistungsfähiger KI wird, desto häufiger stellen wir uns die Frage, was den Menschen eigentlich einzigartig macht. Die technologische Entwicklung lenkt den Blick damit auf eine der ältesten Fragen der Menschheit.
Warum macht Künstliche Intelligenz vielen Menschen Angst?
Neue Technologien haben schon immer Verunsicherung ausgelöst. Bei KI kommt hinzu, dass sie Bereiche berührt, die lange als typisch menschlich galten, etwa Sprache, Kreativität und Problemlösung.
Warum werden Weisheit und Verantwortung im Zeitalter der KI wichtiger?
Künstliche Intelligenz macht Wissen schneller und einfacher verfügbar als jemals zuvor. Dadurch gewinnt die Fähigkeit, Wissen einzuordnen, Verantwortung zu übernehmen und weise Entscheidungen zu treffen, zunehmend an Bedeutung.
über den Autor
Dr. Dr. Ruben Stelzner
Dr. Dr. Ruben Stelzner ist Natur- und Geisteswissenschaftler, Unternehmer und philosophischer Autor. Er schreibt über universelle Prinzipien, archetypische Muster und die gemeinsamen Wurzeln von Wissenschaft, Religion, Kunst und Kultur.
Sein Buch Verlorene Weisheit widmet sich der Frage, wie zeitlose Prinzipien heute wieder Klarheit und Orientierung geben können
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