Zahlen in Märchen, Mythen und Literatur
Mythen – Grundlage jeglicher Kultur
Lange bevor es Schrift und Bücher gab, erzählten sich Menschen Geschichten. Diese dienten nicht der bloßen Unterhaltung – in ihnen wurde das Weltbild der Menschen bewahrt, überliefert und damit weitergegeben. Sie umfassten alles, was zum Verständnis der Welt notwendig war, und prägten somit die jeweilige Kultur. Dabei zeigen sich erstaunliche Parallelen zwischen Kulturen, obwohl diese sich zeitlich und räumlich unabhängig voneinander entwickelten. So kennt beispielsweise jede von ihnen sogenannte Heldengeschichten. In diesen wurden zentrale Prinzipien des Menschseins, Herausforderungen und Lösungswege aufgezeigt.
Ein Beispiel ist das Gilgamesch-Epos (ca. 2100 v. Chr.), das von einem halbgöttlichen Helden erzählt, der auf der Suche nach Unsterblichkeit Themen wie Freundschaft, Tod und den Sinn des Lebens behandelt. Ähnliche Strukturen finden sich in den indischen Sanskrit-Epen, insbesondere der Bhagavad Gita, die Ethik, Philosophie und das Religionsverständnis des Hinduismus nachhaltig prägten. Später folgten Werke wie die Ilias von Homer mit der berühmten Odyssee. Diese Mythen waren stets zentrale Elemente kultureller Identität und prägten diese grundlegend.
Oft standen Mythen im Zusammenhang mit Sternbildern. Durch ihre Verknüpfung mit Himmelskörpern konnten Geschichten bildhaft vermittelt werden – die ersten „Bilderbücher“ der Menschheit. Mythen und Sternbilder bildeten über Jahrtausende hinweg das Fundament kulturellen Wissens und damit auch aller Weltreligionen– bis zur Erfindung des Buchdrucks und darüber hinaus.
Der Mythenforscher Joseph Campbell machte im 20. Jahrhundert eine erstaunliche Entdeckung: Die Mythen und Heldengeschichten verschiedenster Kulturen folgen einem gemeinsamen Grundmuster, das er als „Heldenreise“ bzw. „Monomythos“ bezeichnete. Obwohl sich Details unterscheiden, ist die Struktur verblüffend einheitlich – ein Hinweis darauf, dass die Menschen überall auf der Welt, obwohl die meisten Kulturen keinerlei Kontakt zueinander hatten, eine gemeinsame, objektiv erfahrbare Wirklichkeit in symbolischer Form beschrieben. Ähnlich wie wir es aus der modernen Naturwissenschaft und zum Beispiel den Gesetzen der Physik kennen, die überall im Universum gelten, fanden die Menschen auch früher schon universale Prinzipien. Allerdings beschränkten sich solche Universalprinzipien nicht auf bloßes Faktenwissen, sondern umfassten vor allem allgemeingültige Weisheiten.
Campbells Erkenntnisse wurden durch spätere Forschungen bestätigt. So fand der Sternenforscher Raoul Schrott heraus, dass sich in jeder Kultur weltweit sogenannte Schöpfungsmythen finden und diese eng mit den jeweiligen Sternenbildern verbunden wurden. Das Besondere, was über diese Parallele hinausgeht: Die Schöpfungsgeschichten haben weltweit den gleichen Plot, weshalb er auch von der „prototypischen Schöpfungsgeschichte“ spricht.
Auch wenn die Erklärung für diese frappierende Ähnlichkeit noch nicht abschließend geklärt ist, lässt sich festhalten: Es gab offenbar ein objektives, überzeitliches Wissen – eine Art Naturphilosophie –, das Menschen in Mythen und Erzählungen immer wieder ausdrückten.
Besonders faszinierend ist, dass moderne Geschichten, die der klassischen Heldenreise folgen, Menschen bis heute tief berühren – selbst, wenn sie die dahinterliegende Struktur nicht bewusst erkennen. Viele Blockbuster wie „Matrix“, „Harry Potter“, „Star Wars“ oder „Titanic“ verdanken ihren Erfolg genau dieser archetypischen Erzählstruktur.
Zahlensymbolik in Mythen und Märchen
Eine weitere Gemeinsamkeit vieler Mythen ist die Zahlensymbolik. Damit ist nicht einfach die häufige Verwendung von Zahlen gemeint – Zahlen sind universell –, sondern die symbolische Bedeutung bestimmter Zahlen, die über ihren bloß rechnerischen Wert hinausgehen. Das wird besonders deutlich, wenn Zahlen verwendet werden, die offensichtlich nicht realistisch sein können. So heißt es etwa im Alten Testament, dass Adam seinen ersten Sohn mit 130 Jahren zeugte und danach noch 800 Jahre lebte – ein Hinweis darauf, dass Zahlen hier eine metaphorische Funktion haben. Dafür gibt es viele Beispiele. (vgl. Beitrag „Zahlen in der Bibel“).
Gerade in der Bibel – dem meistverkauften Buch der Welt – spielt Zahlensymbolik eine zentrale Rolle. Ohne ihr Verständnis bleiben viele Passagen unerschlossen: Warum dauert die Schöpfung sieben Tage? Warum gibt es zwölf Stämme Israels? Warum fastet Jesus 40 Tage? Und warum gilt 666 als Zahl des Tieres?
Diese Affinität zur Zahlensymbolik ist kein Einzelfall. Im Gilgamesch-Epos trauert der Held sieben Tage und sieben Nächte um Enkidu. In Homers Odyssee irrt Odysseus zehn Jahre lang auf der Heimreise. In den Erzählungen aus Tausendundeine Nacht begegnet uns „Ali Baba und die vierzig Räuber“.
Die zentrale Rolle der Zahlen geht weiter über die Mythen hinaus und ist ebenso zentraler Bestandteil der meisten Märchen.
Besonders spannend ist, welche Bedeutung Zahlen in Märchen bis heute haben: „Die sieben Raben“, „Die Sechs Diener“, „Der Teufel mit den 3 goldenen Haaren“, „Sechse kommen durch die ganze Welt“, „Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein“ und viele mehr.
Bei einer oberflächlichen Betrachtung lässt sich das häufige Vorkommen von Zahlen vielleicht noch als zufällig erklären. Dies wird der zentralen Rolle, die diese Geschichten gespielt haben, aber nicht gerecht. Alle von ihnen sind Meisterwerke ihrer Zeit und die meisten von ihnen gelten als solche bis heute. Nicht umsonst werden Bücher wie die Bibel oder Märchenbücher in einem so großen Umfang gekauft. Jede Erzählung und ihre textliche Fassung wurden sorgfältig komponiert – fast nichts wurde dem Zufall überlassen. Aus diesem Grund kann man davon ausgehen, dass vor allem den so häufig vorkommenden Zahlen und der Zahlensymbolik eine zentrale inhaltliche Bedeutung zukam. Häufig wissen wir nur nicht mehr welche.
„Zahlen scheinen die Fantasie der Menschen schon seit Urzeiten in besonderem Maße zu bewegen, ja gerade herauszufordern. Anders kann man sich nicht erklären, warum in jeder Kultur Zahlen mit Wertungen assoziiert werden, die mit dem Zahlwert als solchem wenig oder gar nichts zu tun haben.“
(Harald Haarmann)
Zahlen in der großen Literatur
Die großen Werke der Weltliteratur setzen die Tradition der Zahlensymbolik in eindrucksvoller Weise fort. Besonders Johann Wolfgang von Goethe war tief mit ihr vertraut – sie findet sich in nahezu all seinen Werken. Im „Faust“ beispielsweise nimmt die Zahlensymbolik eine zentrale Stellung ein. Der Prolog gliedert sich in drei Teile: Zueignung, Vorspiel auf dem Theater und Prolog im Himmel. Auch innerhalb dieser Abschnitte tauchen Dreierstrukturen auf: etwa in den Figurenkonstellationen (Direktor, Theaterdichter, Lustige Person) oder bei den Himmelswesen (Der Herr, Mephistopheles und drei Erzengel). Goethe stellt die Dreiheit so als ein Grundprinzip seiner gesamten Erzählung vor. Diese Dreiteilung begegnet uns auch an anderer Stelle, etwa in der Bibel: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ oder „Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“. Auch in Dantes „Die Göttliche Komödie“ findet sich eine strenge numerische Struktur: 3 Teile (Inferno, Purgatorio, Paradiso), Je 33 Gesänge (plus 1 Einleitung = 100), Terzinenform (Strophen à 3 Verse, Reimschema aba bcb cdc …) usw. In Shakespeares „Macbeth“ eröffnen drei Hexen das Stück. Bekannt ist ihr berühmter Vers „When shall we three meet again?“. Die Beispiel zeigen die Symbolik der 3 als eine Art einheitliches Grundstrukturelement. Novalis war davon überzeugt, „daß in der Natur eine wunderbare Mystik der Zahlen am Werk ist, und ebenso auch in der Geschichte.“
Der wohl bekannteste Ausschnitt aus Faust zum Thema Zahlensymbolik dürfte das „Hexeneinmaleins“ sein.
„Du musst verstehen: Aus Eins mach Zehn, und Zwei lass gehen, und Drei mach gleich – so bist du reich. Verlier die Vier! Aus Fünf und Sechs, so sagt die Hex’, mach Sieben und Acht – so ist’s vollbracht. Und Neun ist Eins, und Zehn ist keins. Das ist das Hexen-Einmaleins!“
(Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)
Zahlen in modernen Märchen und Filmen
Geschichten sind kein Phänomen, das der Vergangenheit angehört, sondern heute so aktuell wie früher. Menschen lieben Geschichten und so gibt es jedes Jahre Millionen von neuen Geschichten, Erzählungen und Heldenstories. Viele moderne Filme greifen bewusst die uralte Tradition der Zahlen in Märchen auf: „Herr der Ringe“, „Alice im Wunderland“, „Das Dschungelbuch“, „Arielle die Meerjungfrau“, „Harry Potter“, „Star Wars“, „Matrix“ und so weiter und so weiter. Häufig unbekannt ist, dass viele von ihnen – gerade die erfolgreichen und Publikumsmagneten – der klassischen Heldenreise von Campbell folgen. Meist schneller ins Auge fällt, dass in den meisten Zahlensymbolik nach wie vor eine große Rolle spielt. „Drei Ringe für die Elben, sieben Ringe für die Zwerge, neun Ringe für die Menschen, einer, sie alle zu knechten.“ (Herr der Ringe), „Sieben Schuljahre“, „Sieben Bände“, „Drei Heiligtümer des Todes“ (Harry Potter), Arielle, die Meerjungfrau ist die siebte Tochter von König Triton (tri = 3), „Trinity“ und sieben Agenten (Matrix), die „Order 66“ und das Alter Yodas von 900 Jahren (Star Wars) und viele mehr.
Zahlen in Märchen – der Schlüssel zum Verständnis von Geschichten
Ein Blick auf die Geschichten der Menschheit zeigt mehrere bemerkenswerte Aspekte: Sie sind einerseits das Urmedium, auf dem alle Kulturen, Weltreligionen und Weisheitslehren basieren. Ihre zentrale Stellung ist bis heute ungebrochen. Wie Campbell zeigte, folgen die meisten Mythen und Heldengeschichten einem einheitlichen Grundmuster. Das ist äußerst bemerkenswert, denn man würde meinen, dass die Geschichten, die ja alle von individuellen Menschen mit subjektiven Einstellungen und Erfahrungen und auch in verschiedensten Zeiten und an unterschiedlichsten Orten stammen nur eines gemeinsam haben, nämlich eine unendliche Vielfalt. Dass tatsächlich hinter dieser Vielfalt einheitliche Muster stecken, ist äußerst erstaunlich und erweckt die Vermutung, dass es sich um Grundmuster in der Natur handelt, die in dieser verankert sind und deshalb objektiv immer wieder und überall erkannt werden können. Auch dies könnte ein Grund dafür sein, dass es eine weitere Gemeinsamkeit aller Geschichten gibt: die Zahlensymbolik. Sie zieht sich wie eine Universalsprache durch die verschiedensten Erzählungen. Sie diente und dient wie keine andere Symbolsprache in einzigartiger Weise zur Erklärung der weltlichen Zusammenhänge und des Schicksals des Menschen in dieser. Sie vermittelt Richtiges und Wichtiges seit Jahrtausenden. Nur leider ist das Wissen um die Inhalte über die Jahre und angesichts des Eroberungsfeldzuges der modernen Naturwissenschaften verloren gegangen. Eine Philosophie der Zahlen existiert nicht mehr. Heutzutage begeistern wir uns zwar wie jeher für die alten und neuen Geschichten, lesen in klassischer Literatur, gehen ins Theater und ins Kino, erzählen unseren Kindern die berühmten Märchen – aber wir verstehen sie nicht mehr. Sie faszinieren uns in ungebrochener Weise, aber die tieferen Inhalte erschließen sich uns nicht mehr. Was sind die Botschaften, die einheitlich und durchgängig in den Erzählungen der Menschheit zu finden sind? Mehr dazu im Buch „Verlorene Weisheit“.
Bildnachweise: iStock.com/LagartoFilm (Zahlen auf grünem Hintergrund)