Mehr als ein Brauch – Warum der Schäfflertanz die Menschen bis heute berührt

Mehr als ein Brauch - Warum der Schäfflertanz die Menschen bis heute berührt
Foto: Schäffler Tanz, München (KI-generiert)

Der Münchner Schäfflertanz gilt als eines der bedeutendsten Brauchtümer Bayerns. Doch hinter Pestlegende, Reifenschwung und Narrenfiguren verbirgt sich weit mehr als historische Folklore: Der Tanz erzählt in erstaunlicher Tiefe von uralten Weisheiten und zeitlosen Prinzipien des Lebens. Dieser Beitrag eröffnet eine neue Perspektive auf den alten Brauch und zeigt, warum der Schäfflertanz die Menschen bis heute tief berührt.

Ein Brauch mit besonderer Aura

Kaum ein Münchner Brauch verkörpert die Identität der Stadt so eindrucksvoll wie der Schäfflertanz. Er ist weit mehr als eine historische Zunfttradition: Seit Jahrhunderten gehört er zum kulturellen Selbstverständnis Münchens und prägt die Stadt weit über den Moment der Aufführung hinaus.

Seine herausgehobene Stellung zeigt sich an einem der sichtbarsten und symbolträchtigsten Orte Münchens, dem berühmten Glockenspiel am Marienplatz, das täglich hunderte Besucher versammelt. Seit jeher erfährt der Schäfflertanz eine öffentliche Würdigung wie kaum ein anderer Brauch. So war die erste Aufführung einer Saison traditionell dem König vorbehalten, eine Ehre, die sich in der heutigen Präsentation vor dem Bayerischen Ministerpräsidenten bis in die Gegenwart erhalten hat.

Damit war und ist der Schäfflertanz seit Jahrhunderten ein kulturelles Ereignis höchsten Ranges, tief verwurzelt in der Geschichte und Identität Münchens. Seine besondere Aura verdankt er dabei nicht nur seiner langen Tradition und der beeindruckend aufwendigen Darbietung, die von den Tänzern über Monate hinweg einstudiert wird, sondern auch seiner Seltenheit: Er wird nur alle sieben Jahre aufgeführt. Gerade dadurch wurde er über die Jahrhunderte zu einer ehrwürdigen und zugleich geheimnisvollen Rarität, auf die die Stadt immer wieder mit großer Vorfreude blickt.

Die Pestlegende und ihre offenen Fragen

Nach der bekannten Ursprungserzählung geht der Schäfflertanz auf die Zeit nach einer schweren Pestepidemie zurück. Die Stadt soll von Krankheit, Tod und Angst gezeichnet gewesen sein; das öffentliche Leben war erstarrt. In diesen düsteren Zeiten soll zunächst ein einzelner Schäffler – also ein Fassmacher –, später mehrere, im Jahr 1517 auf die Straßen gezogen sein, um die verängstigten Menschen wieder aus ihren Häusern zu locken. Der Tanz sollte Mut machen, wieder hinauszutreten, einander zu begegnen und ins Leben zurückzufinden.

So eindrucksvoll diese Erzählung ist, so dünn erscheinen an vielen Stellen die historischen Erklärungsversuche. Gab es zum Zeitpunkt der vermeintlich ersten Aufführung 1517 überhaupt eine Pest? Historische Sterbetafeln scheinen dies nicht zu stützen. Warum finden sich erst rund zweihundert Jahre später erste Zeugnisse des Brauchs? Auch der Versuch, den siebenjährigen Rhythmus mit einem Wiederaufleben der Pest alle sieben Jahre zu erklären, wirkt wissenschaftlich ebenso fragwürdig wie die Behauptung, ein Herzog habe die lange Pause eingeführt, um ein Überhandnehmen traditioneller Feste zu verhindern.

Und was haben fantastische Figuren wie Schlange und Narr oder der Zeitpunkt der Aufführung in der Faschingszeit zwischen Dreikönigstag und Faschingsdienstag mit der realen Historie einer Pestepidemie zu tun? Vieles deutet darauf hin, dass die bekannten Ursprungserzählungen weniger einer Tatsachenbeschreibung gleichen als vielmehr einer Sage oder symbolischen Überlieferung.

Mehr als historische Folklore

Ist die ungebrochene Bedeutung des Brauchs angesichts dieser offenen Fragen überhaupt noch zeitgemäß? Oder müsste der Schäfflertanz gemeinsam mit der längst vergangenen Pest längst ins Archiv der Geschichte gehören?

Wohl kaum. Wahrscheinlich verhält es sich eher umgekehrt.

Denn möglicherweise erzählt der Schäfflertanz nicht von einem einzelnen historischen Ereignis, sondern von etwas Grundsätzlicherem und Zeitlosem. Von etwas, dessen Anziehungskraft über die Jahrhunderte eher zu- als abgenommen hat. Seine besondere Wirkung lässt sich kaum allein mit der Schönheit einer formal beeindruckenden Darbietung erklären.

Vielmehr scheint der Tanz von etwas getragen zu sein, das damals ebenso relevant war wie heute. Er berührt Menschen auch Jahrhunderte nach der letzten Pest noch auf erstaunlich unmittelbare Weise. Irgendetwas an ihm wirkt vertraut – damals wie heute. Vielleicht, weil er wie viele alte Rituale, Mythen und Überlieferungen weniger historische Tatsachen erzählen will als zeitlose Weisheiten.

Die Schlange als Urbild des Unbekannten

Legt man für einen Moment die rein historisch-wissenschaftliche Betrachtungsweise beiseite und richtet den Blick auf die symbolische Ebene des Brauchs, treten plötzlich erstaunlich klare Strukturen hervor.

Der Schäfflertanz beginnt nach dem Einmarsch stets mit derselben Figur: Die Tänzer formen eine Schlange. Sie soll den Lindwurm symbolisieren, der die todbringende Pest unter die Menschen gebracht habe. Doch die Schlange ist weit mehr als nur ein Bild für eine historische Seuche. Sie gehört zu den ältesten Sinnbildern menschlicher Kultur.

Bereits in der Genesis, der Schöpfungsgeschichte der Bibel, verführt die Schlange Adam und Eva im Garten Eden und leitet damit den Beginn des menschlichen Leidenswegs ein. Auch der Heraklesmythos beginnt mit zwei Schlangen, die Hera aus Eifersucht in die Wiege des jungen Helden legt. In der Nibelungensage muss Siegfried den Lindwurm besiegen, und in Mozarts Zauberflöte flieht Prinz Tamino gleich zu Beginn vor einer riesigen Schlange.

Der Schäfflertanz bedient sich damit eines Urbildes, das sich seit Jahrtausenden durch Mythen, Märchen und große Erzählungen zieht.

Doch warum besitzt dieses Bild einen so universelle Charakter?

Die Schlange symbolisiert das Wesen aus dem Unbekannten. Der Lindwurm lebt unter der Erde, der Drache in einer Höhle. Es sind Wesen der Unterwelt, dem Dunklen, einer Schattenwelt. In der griechischen Mythologie ist es der Hades, die Welt der Toten. Es ist die Welt, die unserer Welt gegenüber steht, auf die wir keinen Zugriff haben. Sie symbolisiert das Unbekannte, für uns Menschen nicht Erfassbare und Schicksalhafte. Es begegnet uns und stellt eine Bedrohung dar. Es hat Einfluss auf unsere Welt. Im Mittelalter war die Pest ein solches Ereignis. Es brach über die Menschen herein, ohne dass diese es sich erklären konnten. Es war unberechenbar, mächtig und schien nicht von dieser Welt. Man konnte es weder mit den damaligen Mitteln verstehen, noch berechnen oder ihm gar entfliehen. Man war dem schicksalhaften Ereignis hilflos ausgeliefert.

Die Reise ins Dunkle

Die Begegnung mit dem Unbekannten und Dunklen gehört zu den ältesten Motiven menschlicher Erzählung. Im Schäfflertanz ist es der schwarze Tod, dem die Menschen ausgeliefert sind.

Im Märchen von Hänsel und Gretel verlassen die Geschwister ihr Elternhaus, das auf einer Lichtung steht – Sinnbild der vertrauten Welt – und verirren sich im dunklen Wald, der Gegenwelt des Unbekannten. Dort sind sie ihrem Schicksal ausgeliefert. Im Froschkönig verliert die Königstochter ihre goldene Kugel im dunklen Brunnen, woraufhin der Frosch , Sinnbild eines kleinen Drachen, aus der Tiefe erscheint und sie mit einer fremden Wirklichkeit, mit der sie fortan umgehen muss.

Dasselbe Grundmotiv findet sich auch in modernen Geschichten. In Tolkiens Herr der Ringe muss Frodo seine sichere Heimat, das Auenland, verlassen und nach Mordor – dem „schwarzen Land“ – aufbrechen. In Science-Fiction Epos Star Wars wird Luke Skywalker mit der dunklen Seite der Macht konfrontiert.

All diese Geschichten kreisen letztlich um dieselbe Erfahrung: Der Mensch lebt stets zwischen zwei Polen. So geordnet sein Leben auch erscheinen mag – früher oder später wird diese Ordnung durch ein schicksalhaftes Ereignis erschüttert. Der Mensch begegnet Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod.

Der Tanz der Gegensätze

Der Schäfflertanz erzählt auf vielen Ebenen von diesen beiden gegensätzlichen Polen, denen der Mensch ausgesetzt ist. Bereits der Einzug der Darsteller erfolgt in zwei Reihen. Diese Doppelhaftigkeit setzt sich in vielen späteren Formationen fort. Auch die erwähnte Schlange entwickelt sich aus zwei Strängen. Im Grunde ist es nicht eine Schlange, sondern es sind zwei Schlangen, die sich auseinanderentwickeln.

Die Gegensätzlichkeit zeigt sich auch an vielen weiteren Stellen. So beeindruckt der Tanz vor allem durch die außerordentliche Struktur und Strenge seiner Abfolge. Jeder Schritt und jede Bewegung müssen genau im Rhythmus erfolgen und folgen einer bis ins Detail vorgegebenen Ordnung. Zunächst scheinen die parallel dazu auftretenden Kasper und Narren nicht dazuzugehören. Sie unterscheiden sich nicht nur durch ihre bunte Kleidung von den strengen Trachtenuniformen der Tänzer. Sie ordnen sich auch in keiner Weise dem Tanz unter, sondern scheinen frei und willkürlich zu handeln. Teilweise durchbrechen sie frech die Reihen der Tänzer oder versuchen, diese abzulenken. So wird in der Aufführung die Polarität zwischen Ordnung und Chaos, Strenge und Witz anschaulich demonstriert.

Diese Gegensätzlichkeit zeigt sich nicht zuletzt auch im Schrittmuster der Schäffler. Ein- und Ausmarsch erfolgen im Gleichschritt. Die Figuren werden dagegen im Schleifschritt getanzt. Dabei erfolgen die Schritte nicht einfach nacheinander in gleicher Form, sondern bei jedem zweiten Schritt werden abwechselnd die Knie angezogen. Durch diese unterschiedlichen Schrittmuster werden die Prinzipien Gleichheit und Abwechslung eindrucksvoll gegenübergestellt.

Der Bogen als verbindendes Symbol

Was will der Schäfflertanz damit erzählen?

Mit all seinen gegensätzlichen Erscheinungen erinnert er daran, dass wir in einer Welt der Polaritäten leben: Ordnung und Chaos, Licht und Dunkelheit, Leben und Tod gehören untrennbar zusammen.

Der Tanz vermittelt die alte Weisheit, dass ein Pol niemals ohne den anderen existiert. Selbst die Pest erscheint nicht als endgültiger Zustand, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs, dem letztlich auch neues Leben gegenübersteht.

Besonders sichtbar wird dies im zentralen Symbol der Schäffler: dem Bogen. Im Fassbau verbindet der Bogen die einzelnen Fassdauben miteinander und hält somit alles zusammen. Wie er auch bei einer Brücke verwendet wird, verbindet der Bogen zwei gegenüberliegende Seiten und führt zusammen, was zunächst getrennt erscheint.

Jeder Schäffler trägt einen solchen Bogen und ist über ihn mit den anderen verbunden. Meist besteht er aus Buchs, einer immergrünen Pflanze, die Beständigkeit symbolisiert. Anders als vergängliches Grün bleibt sie dauerhaft bestehen.

Der Bogen macht sichtbar, dass Gegensätze zusammengehören – wie zwei Seiten derselben Medaille. So wie der Tag ohne Nacht nicht denkbar ist, lässt sich auch Licht nicht ohne Dunkelheit verstehen.

Deshalb gehört zur Ordnung der Formation stets auch die scheinbare Unordnung des Narren, der diese Ordnung durchbricht. Der Schäfflertanz erinnert daran, dass selbst dort, wo Dunkelheit herrscht, das Licht nie ganz verschwindet. Wo Krankheit und Tod auftreten, kehrt irgendwann auch das Leben zurück. Der Brauch trägt die alte Weisheit in sich, dass wir uns darauf verlassen können.

Die geheimnisvolle Zahl Sieben

Der berühmte Tanz trägt darüber hinaus noch deutlich mehr Botschaften in sich. Auch das mysteriöse Vorkommen der Zahl Sieben passt unter einer symbolischen Betrachtungsweise ins Gesamtbild.

Entsprechend der traditionellen Regeln darf der Tanz nur alle sieben Jahre aufgeführt werden. Zudem besteht er aus sieben Darbietungsteilen: Schlange, Laube, Kreuz, Krone, vier kleine Kreise, Changieren und Reifenschwung. Die Sieben bildet damit gewissermaßen den Rahmen des gesamten Rituals.

Auch außerhalb des Schäfflertanzes begegnet uns die Sieben immer wieder in Mythen, Religionen und Märchen. Häufig steht sie dort für Ganzheit und Vollendung – allerdings nicht durch Gleichförmigkeit, sondern gerade durch die Integration des Fremden und Andersartigen.

So gelangt Schneewittchen hinter die sieben Berge zu den sieben Zwergen – in eine fremde Gegenwelt, die ihr schließlich hilft, ihr Leben zurückzugewinnen. In der Bibel erschafft Gott die Welt in sieben Tagen. Der siebte Tag wirkt zunächst wie ein Gegenpol zu den anderen, denn an ihm wird nichts erschaffen. Gerade dadurch aber wird er heilig: Gott ruht.

Im Judentum ist der siebte Tag der Sabbat, das siebte Jahr das Sabbatjahr. Ähnlich wie beim Rhythmus des Schäfflertanzes zeigt sich darin die Vorstellung, dass Vollkommenheit erst dort entsteht, wo auch das scheinbar Zweckfreie, Fremde oder Andersartige seinen Platz erhält.

Auch in der hinduistischen Lehre spielt die Sieben eine besondere Rolle. Der Mensch besitzt sieben Hauptchakren – Energiezentren, die Körper und Geist beeinflussen. Das siebte Chakra steht dabei für die Verbindung zum Göttlichen und Transzendenten.

Das Schicksal der schwarzen Nase

Als Menschen verstehen wir häufig nicht, welche Rolle das Unbekannte, Fremde oder Schicksalhafte für unser Leben spielt. Ein solcher Zusammenhang bleibt uns oft ein Buch mit „sieben Siegeln“. Dieses Sprichwort geht auf die Offenbarung des Johannes zurück, die auch Apokalypse genannt wird. Gerade darin liegt ein wichtiger Hinweis: Für den, der den tieferen Zusammenhang nicht erkennt, erscheint das Fremde zunächst als dunkel, bedrohlich und zerstörerisch – als apokalyptisches Geschehen. Wer jedoch die ordnende Bedeutung der Sieben versteht, erkennt darin nicht nur Untergang, sondern auch Offenbarung: Das Unbekannte enthüllt eine verborgene Wahrheit über das Ganze. Deshalb steht die Sieben in vielen Kulturen sowohl für Glück als auch für Unglück. Was auf den ersten Blick gegensätzlich erscheint, beschreibt letztlich zwei Seiten desselben Phänomens: das Schicksalhafte, das unvorhergesehen in unser Leben tritt. Ob wir es als Glück oder Unglück erfahren, hängt häufig vom Blickwinkel und vom tieferen Verständnis des Geschehens ab.

Besonders anschaulich zeigt sich dieser Gedanke in einem kleinen, beinahe beiläufigen Detail des Schäfflertanzes: Die Kasperln malen den Zuschauern schwarze Farbe auf die Nase – ein Zeichen, das Glück bringen soll. Gerade darin liegt auf den ersten Blick ein erstaunlicher Widerspruch. Denn im Zusammenhang mit der Pestgeschichte steht das Schwarz zugleich für den schwarzen Tod, für Krankheit und Bedrohung. Doch genau durch diese Geste verbinden die Kasperln beide Bedeutungen miteinander. Sie zeigen, dass Glück und Unglück, Licht und Dunkel, Leben und Tod nicht einfach getrennte Welten sind, sondern unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Entscheidend ist, wie der Mensch dem Schicksalhaften begegnet: ob er es nur als Unglück erfährt – oder als Teil eines größeren Zusammenhangs, aus dem neue Einsicht, neue Zuversicht und neues Leben entstehen können.

Vom Unglück zur neuen Perspektive

Der Autor Nassim Nicholas Taleb hat dieses Prinzip in seinem Bestseller Der Schwarze Schwan untersucht. Schwarze Schwäne sind außergewöhnliche Ereignisse mit enormen Auswirkungen, die scheinbar völlig unvorhersehbar auftreten.

Der Ausbruch der Pest, des schwarzen Todes, ist – nicht nur aufgrund seiner begrifflichen Nähe – zweifellos ein solches Ereignis der damaligen Menschen gewesen. Es kam völlig unvorhersehbar, war unverständlich und hatte enorme Auswirkungen. Taleb schreibt, dass solche Ereignisse schlicht nicht vorhersehbar sind. Aber er betont auch, dass sie kein reines Zufallsprodukt sind, sondern ihre Ursache im Irdischen habe. Zwar war das Auftreten des Erregers der Pest sicherlich zufällig. Zu einem schwarzen Schwan, also einem Ereignis enormer Tragweite, wurde es aber erst durch das von Menschen gezüchtete System. Sie lebten in einer Ordnung dichter Städte, schlechter Hygiene, enger Handelsnetze und schwacher medizinischer Erkenntnisse. Obwohl sich die Pest in den Zeiten des Ausbruchs als schicksalhaftes Unglück darstellte, weiß man heutzutage, dass es dazu kommen musste. Sie war eine logische Konsequenz der damaligen Lebensumstände.

Die Menschen, die verstanden, dass Schicksal nicht bloß ein völlig willkürliches Geschehen ist, konnten aus der Pest lernen. Sie entdeckten das Prinzip der Quarantäne, erlangten ein besseres Hygieneverständnis und organisierten ihre Städte um. Rückblickend führten die Schrecken der Pest damit auch zu Entwicklungen, die bis heute unzählige Menschenleben gerettet haben. Wie in vielen alten Erzählungen führt der Weg durch die Dunkelheit letztlich zu neuer Erkenntnis und neuem Wachstum; so bei Hänsel und Gretel, die aus dem dunklen Wald, nach einem leidvollen Weg, mit großen Schätzen in ihre Heimat zurückkehrten.

Die zeitlose Botschaft des Schäfflertanzes

Diesen Verlauf der Geschichte konnten die Schäffler natürlich weder wissen noch voraussagen. Es gehört zum Wesen des Schwarzen Schwanes, dass genau dies nicht möglich ist. Aber sie wussten – oder zumindest diejenigen, die das Ritual bis ins letzte Detail vollendeten – um das Prinzip der Polarität. Denn dieses ist zeitlos. Zahlreiche Geschichten erzählen davon, dass Schatten und Licht zusammengehören. Sie wussten, dass das Schicksalhafte, so düster es auch erscheinen mag, nur ein Teil der Medaille ist. Sie wussten, dass Menschen gerade in Zeiten großer Dunkelheit diese Zuversicht wieder brauchen. Und sie wussten, dass nur eine Sichtweise, die die Gegensätze nicht trennt, sondern miteinander verbindet, das Schicksal verständlich und erträglich macht.

Es dürfte eine der schwierigsten Lektionen der Menschheit sein, dass das Schicksalhafte und Andere zum Leben dazugehört. Wir wollen es nicht. Wir verstehen es nicht. Wir brauchen keine Schlange im Paradies, keinen Hades in der Welt und keine Pest im Leben. Aber jeder Mythos und jedes Märchen erzählen uns davon, dass es Gut und Böse gibt, Dunkelheit und Licht, Krise und Erneuerung. Damals wie heute erinnert der „heilige“ Tanz der Schäffler daran, dass die Kunst des Helden im Märchen ebenso wie die des Menschen im Leben darin besteht, zwischen den Gegensätzen nicht unterzugehen, sondern durch sie zu wachsen.

München kann stolz darauf sein, mit dem Schäfflertanz einen Brauch von solcher Schönheit und Tiefe zu bewahren, der alle sieben Jahre eine hoffnungsvolle und damals wie heute so wichtige Botschaft in die Welt sendet.

FAQ zum Münchner Schäfflertanz

Was bedeutet der Schäfflertanz in München?

Der Schäfflertanz München gilt als traditioneller Brauch mit historischen Wurzeln. Symbolisch erzählt er vom Umgang des Menschen mit Krise, Dunkelheit und Erneuerung. Viele seiner Figuren und Rituale verweisen auf zeitlose Prinzipien und alte Weisheitslehren.

Warum findet der Schäfflertanz alle sieben Jahre statt?

Warum der Schäfflertanz alle sieben Jahre aufgeführt wird, ist historisch nicht eindeutig geklärt. Symbolisch besitzt die Zahl Sieben jedoch in vielen Kulturen eine besondere Bedeutung und steht häufig für Ganzheit, Vollendung und Transformation.

Welche Bedeutung hat die Zahl 7 im Schäfflertanz?

Die Schäfflertanz Zahl 7 taucht mehrfach im Ritual auf. Der Tanz besteht aus sieben Teilen und wird im siebenjährigen Rhythmus aufgeführt. In Religionen, Märchen und Mythen symbolisiert die Sieben häufig die Verbindung gegensätzlicher Prinzipien.

Warum bekommen Zuschauer beim Schäfflertanz eine schwarze Nase?

Die Schäfflertanz schwarze Nase gilt traditionell als Glückszeichen. Gleichzeitig verweist die schwarze Farbe auf die Symbolik des „schwarzen Todes“ und verbindet damit Glück und Unglück, Dunkelheit und Erneuerung als zwei Seiten derselben Wirklichkeit.

Was symbolisiert die Schlange im Schäfflertanz?

Die Schlange steht für das Unbekannte und Schicksalhafte. Wie in vielen Mythen und Märchen symbolisiert sie die Begegnung des Menschen mit einer dunklen Gegenwelt, die Krise, Veränderung und letztlich Wachstum auslösen kann.

Was ist der Schäfflertanz?

Der Schäfflertanz ist ein traditioneller Zunfttanz der Münchner Fassmacher, der nur alle sieben Jahre aufgeführt wird. Er gilt als Sinnbild für die Rückkehr des Lebens nach Krisenzeiten und zählt zu den bekanntesten Brauchtümern Bayerns.

Was ist die Bedeutung des Schäfflertanzes?

Die Bedeutung des Schäfflertanzes reicht weit über historische Folklore hinaus. Der Brauch erinnert an zeitlose Prinzipien, die Menschen seit Jahrhunderten begleiten: den Umgang mit Krise und Erneuerung, mit Dunkelheit und Hoffnung, mit Ordnung und Chaos.

Gerade darin liegt die anhaltende Faszination des Münchner Schäfflertanzes. Seine Symbolik verbindet Geschichte, Mythologie und menschliche Erfahrung auf eine Weise, die bis heute verständlich bleibt. Vielleicht berührt der Tanz deshalb noch immer so viele Menschen – weil er nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern von etwas, das den Menschen zeitlos begleitet.

über den Autor

Dr. Dr. Ruben Stelzner

Dr. Dr. Ruben Stelzner ist Natur- und Geisteswissenschaftler, Unternehmer und philosophischer Autor. Er schreibt über universelle Prinzipien, archetypische Muster und die gemeinsamen Wurzeln von Wissenschaft, Religion, Kunst und Kultur.

Sein Buch Verlorene Weisheit widmet sich der Frage, wie zeitlose Prinzipien heute wieder Klarheit und Orientierung geben können

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